Nanuks Tränen

Nanuk war ein junger Wolf, der in der Welt der Götter lebte. Er liebte es die Wölfe auf der Erde zu beobachten, doch was er sah war traurig und brach ihm fast das Herz. Die Menschen hatten Angst vor den irdischen Wölfen und jagten sie. Sie hatte Speere, Pfeile und Bögen und scharfe Messer. Die Wölfe hatten keine Chance und jeden Tag wurden viele von ihnen durch die Menschen niedergemetzelt. Bald gab es nur noch 2 Wolfsrudel. Dann nur noch eines. Es war sehr klein und auch dieses Rudel würden bald von den Menschen vernichtet werden.

Nanuk fand besonderen Gefallen daran eine Schneeweiße Fähe namens Aiyana zu beobachten. Sie war die Alphari des überlebenden Rudels.  Ihr weißes Fell schien in der Sonne zu leuchten und ihre Eisblauen Augen schauten immer warm und fürsorglich drein, doch ständige Sorge trübte ihren klaren Blick. Die Sorge was geschehen würde, wenn die Menschen sie finden.  Immer näher kamen die sie an ihr Revier heran und eines Tages geschah es.

Die Zweibeiner endeckten das Rudel und es gab ein schreckliches Gemetzel. Aiyana Wurde tödlich verletzt, doch sie entkam. Sie schaffte es, sich einige hundert Meter weiter in eine Höhle zu schleppen. Dort brach sie kraftlos zusammen und der Tod streckte schon seine Hände nach ihr aus.

Als Nanuk dies sah, brach es ihm fast das Herz. Er stieg aus der Welt der Götter auf die Erde hinab zu Aiyana. Sanft berührte er mit seiner Nase ihre Wunde am Hals, die ihre Luftröhre durchschlagen hatte. Wie durch ein Wunder heilte das tief blutende Loch in Sekunden zu. Die Weiße Fähe atmete einmal tief ein und weilte wieder unter den Lebenden.

Glücklich blickte, Nanuk zu der schönen weißen herunter und lächelte, doch auf ihrem Gesicht spiegelte sich nur Trauer. Es war die tiefe Trauer um ihr Rudel, um alle die sie je geliebt hatte und die nun in den Tod gegangen waren. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie liefen in silbrig schimmernden Rinnsalen in ihr dichtes weißes Fell und durchtränkten es. Lange schluchzte Aiyana, denn sie war nun der letzte überlebende Wolf. Die Weiße weinte und weinte und weinte, doch plötzlich waren ihre Tränen versiegt und ihre Trauer so übermächtig, dass sie mit Tränen nichtmehr aufgewogen werden konnte.

Ein Schaudern durchzog ihren Körper, dann kroch ein Schrei tief aus ihrer Kehle. Er war so voll von Trauer, Leid und Wut, dass es jedem, der ihn hörte das Herz brach. Lange Sekunden saß die weiße Fähe einfach nur da und schrie und jeder der es hörte begann auf der Stelle zu weinen. Und die Menschen hörten es und erkannten ihren Fehler. Doch es war zu spät. Alle Wölfe waren tot.  Und da begannen alle Menschen zu trauern. Sie hatten die, die ihre engsten Verbündeten hätten werden sollen, getötet. Ohne Grund, ohne Recht und ohne Gnade.  

Nanuk drückte Aiyana trösten die Schnauze in das dichte weiße Fell und tröstete sie. Die beiden blieben in der Höhle und die Menschen brachten ihnen aus Reue und Scham jeden Tag frisches Fleisch an den Höhleneingang. Nanuk und Aiyana verliebten sich ineinander und einige Monate später wurde Aiyana schwanger. Beide freuten sich auf die Jungen und bald war der Zeitpunkt da.

Die weiße Fähe lag in den Wehen. Angestrengtes Stöhnen war zu hören und dann der klägliche Laut eines wolfsjungen. Erleichtert seufzte die Weiße auf. Sie spürte wie ihre Glieder erkalteten. Sie dachte an ihr Neugeborenes und, dass es bei Nanuk gut aufgehoben war. Mit einer letzten Anstrengung, leckte sie dem Rüden, der neben ihr stand am Bein und sagte „Ich liebe dich“ Dann blickten ihre Augen auf einen unbestimmten Punkt an der Decke und Nanuk konnte sehen, wie ihr Geist in die Arme des Todes entschwand.

Überall um ihre erschlafften Körper war Blut und ihr weißes Fell war getränkt von der purpurnen Flüssigkeit. Wieder ging ein Schrei durch die Welt, der so markerschütternd war, dass alle Menschen in tiefe Trauer verfielen. Mit diesem schrei löste sich Nanuks Körper auf und auch er glitt in die schützenden Arme des Todes.

Am nächsten Tag kamen die Menschen in die Höhle. Sie sahen den kleinen Welpen, der dicht gedrängt an seine tote Mutter lag. Sie Namen das Junge bei sich auf, gaben ihm den Namen Illuq und fütterten es und pflegten es.  

Als Illuq genau ein Jahr alt wurde ging er zu seinem Geburtsort, der Höhle zurück. Dort stellte er sich vor des Blumenbedeckte Grab, in das die Menschen seine Mutter nach ihrem Tode gebettet hatten. Er sah in den Wolkenlosen, blauen Himmel und ein drittes Heulen durchfuhr die Erde. Doch diesmal war es ein Heulen der neuen Hoffnung und der Vergebung. An diesem Tag kamen die Wölfe zurück und bildeten ein einziges Rudel. Die Zeit der Trauer war vorüber.

~ The End ~

(2010)