Schatten der Nacht

Die schmale Sichel des Mondes wirft ihr silbernes Zwielicht auf den unebenen Boden, dort, wo das Blätterdach ein Stück des Nachthimmels freigibt. Schatten ziehen in langen Bahnen über die Erde und wieder die Bäume herauf. Die Kronen der Pflanzen wiegen im Wind und verwandeln die Schatten in brodelnde Lebewesen, die dich zu verfolgen scheinen. Nebel steigt zwischen den kräftigen Stämmen empor, sodass du nicht weiter als drei Schritte sehen kannst. Dein Herz rast und dein Magen ist vor Angst so weit zusammengezogen, dass du dich beinahe übergeben musst, doch du wagst es keine Sekunde stehen zu bleiben. Ein sabberndes und gurgelndes Geräusch irgendwo hinter dir treibt dich zu noch größerer Hast. Was auch immer deine Eltern umgebracht hat, es ist nun hinter dir her. Du hörst Schritte auf dem feuchten laubbedeckten Boden und die kleinen Zweige, die unter deinem Gewicht mit leisem Knacken zerbrechen.
Plötzlich liegt vor dir ein umgestürzter Baum auf dem Weg. Du springst, drückst die Füße mit der Kraft der Verzweiflung in den Boden. In hohem Bogen fliegst du über den Stamm hinweg, doch als du mit dem Fuß wieder die Erde berührst durchfährt ein stechender Schmerz deinen Knöchel und du kannst hören, wie ein gefährliches knacken durch deine Knochen fährt. Beinahe wärst du gestürzt, aber  irgendwie schaffst du es dich auf den Beinen zu halten, doch der Schmerz ist zu groß. Nach dem dritten Schritt gibt das Gelenk endgültig nach und du schlägst schwer auf dem Boden auf. Du machst den Fehler dich umzudrehen und dein Herz gefriert, als sich vor deinen Augen die Schatten zu verdichten scheinen. Sie werden plastisch, Muskeln bilden sich, zerfallen wieder und materialisieren sich erneut. Du versuchst aufzustehen, doch dein Körper gehorcht dir nicht. Das Wesen, das nun vor dir steht ist vollkommen schwarz, einzig seine gigantischen Klauen und Zähne ragen elfenbeinfarben aus seinem Körper hervor. Schwarzer Speichel tropft aus seinem gigantischen Maul und der Mond spiegelt sich in seinen aufgedunsenen Augen. Ein eisiger Schauer durchläuft dich, als du erkennst, dass ein riesiger Schnitt seinen Leib teilt und mit schlabbernden Geräuschen  die herausfallenden Gedärme über den Boden schleifen und diesen mit ätzender Dunkelheit besudelen.

Immer näher kommt es, Brocken brechen aus seinem nach außen gekehrten Inneren und blad bilden die Stücke seines toten Fleisches eine Spur hinter ihm. Du kannst Gier in seinen Blick erkennen, aber auch das Leid, das ihm jedes Mal wiederfährt, wenn es sich materialisiert. Wärst du dir nicht sicher, dass es dich in den nächsten Sekunden töten wird, so hättest du vielleicht sogar Mitleid mit dem Wesen.
Nun fließt neben dem Speichel auch dunkelrotes Blut zwischen seinen Zähnen hervor und du spürst, wie es warm auf deine Beine tropfte und sich von dort durch deine Haut frisst. Ein Wimmern dringt aus deiner Kehle. Nun ist sein Maul direkt vor deinem Gesicht und du kannst die Verwesung riechen, die es von innen heraus aufzufressen scheint. Dir wird wieder übel und dein Mageninhalt verteilt sich über deine Kleidung. Das Wesen schnauft, dann öffnet es sein Maul noch weiter und der pure Tod weht in dein Gesicht. Die elfenbeinfarbenen Zähne reflektieren das Mondlicht und das letzte was du siehst ist sein blutiger Rachen. Du spürtst dein Blut pulsieren als seine Zähne auf deinem Hals aufsetzten…

Tot...

~The End~

(2011)