Verdammnis

Sie stand in einem Wald. Unter ihren Füßen schlängelte sich ein kleiner Pfad durch das dichte Gehölz. Wolken bedeckten den Nachthimmel und nur selten erkämpfte sich das silberne Mondlicht einen Weg zwischen den Wolkenlücken hindurch, die zuweilen entstanden. Dies war auch der Grund weshalb sie außer des Weges und der Bäume direkt neben ihr kaum etwas erkennen konnte. Trotz der sommerlichen Jahreszeit strich ein kühler Wind durch ihr Haar und sie fröstelte leicht, da sie nur ein T-Shirt und einen kurzen Minirock trug. Wo war sie hier nur und wie war sie hier her gekommen, und vor allem WER war sie? Sie hatte keinerlei Erinnerungen. Weder an eine Vergangenheit, die nur kurz zurücklag, noch an ihr restliches Leben. Hatte sie bis jetzt überhaupt ein Leben gehabt? Sie wusste es nicht. Das Einzige, das sie wusste war, dass sie in diesem unheimlichen Wald stand und höllische Angst vor der Dunkelheit hatte.

Panisch sah sie sich um. Die Bäume hier hatten kaum Blätter und der Boden war bedeckt von abgebrochenen Ästen und Steinen. Langsam setzte sie sich in Bewegung, mit dem Ziel ruhig zu bleiben, doch das gelang ihr nicht. Immer schneller trugen ihre Beine sie durch den nächtlichen Wald. Sie hatte das Gefühl, dass sie ein Augenpaar aus der Dunkelheit beobachtete. Dann bemerkte sie, wie still es hier war. Kein Geräusch war zu hören. Nicht einmal der Wind, der durch Blätter rausche, denn diese Bäume trugen keine Blätter. Das einzige was sie wahrnahm, waren die Zweige, die mit leisem Knacken unter ihren Schritten zerbrachen und ihr Herz, das so schnell raste, als wolle es einen Wettlauf gewinnen. Immer intensiver wurde das Gefühl angestarrt zu werden und als sie es fast nicht mehr aushielt konnte sie  eine Lichtung erkennen. Viele Häuser waren zu sehen. Ein Dorf!

Nach wenigen Sekunden hatte sie dieses erreicht, doch als sie stehen blieb überkam sie kein Gefühl der Erleichterung, denn das Dorf schien schon seit Jahren verlassen zu sein. Es roch modrig, nach Moos und Schimmel und so sahen die Häuser auch aus. Einige Dächer waren bereits Eingefallen und nirgends brannte Licht. Ihr Blick irrte in purer Verzweiflung umher. Sie spürte, dass das, was sie beobachtete immer näher kam. Was jetzt? Da! Da, in einem der Fenster brannte doch noch Licht. Die Erleichterung breitete sich nun doch in ihr aus, doch sie wagte nicht sofort zu klopfen und so sah sie erst durch das Fenster hinein. Nichts, nur einige Kerzen, von denen das Licht ausging. Ein Tisch, ein Stuhl aber kein Mensch. Schnell ging sie zur Tür. Diese bestand aus dunklem Holz, das durch seinen zunehmenden Verwesungszustand und die widrigen Lichtverhältnisse komplett schwarz wirkte, so wie der restliche Teil des Hauses auch. Vorsichtig klopfte sie und als nach 20 Sekunden noch immer keiner öffnete stieß sie die Tür einfach auf. Das Schloss musste schon vor Jahren durchgerostet  sein. Wer wohnte hier nur?

Als sie den schmalen Flur betrat, der direkt in das Zimmer führte, dass sie von außen bereits kannte, kam ihr ein Odem aus Schimmelgeruch und vermoderndem, nassen Holz entgegen und sie musste einen Moment mit sich ringen, um sich nicht zu übergeben.  Schnell schloss sie die Tür, denn sie hatte immer noch das Gefühl, dass Jemand sie anstarrte. Vorsichtig ging sie weiter und die ebenfalls vom zunehmenden Zerfall betroffenen Dielen knarrten unter dem Einfluss ihres Gewichts.  Überall waren Lücken in den Wänden und der Wind, der noch immer wehte drang hindurch und erzeugte ein gespenstisches Pfeifen, dass ihr einen kalten schauer den Rücken hinunterlaufen ließ. Plötzlich war ein lautes Kratzen an der Tür zu hören. Ihr Kopf drehte sich ruckartig in die Richtung. Es war hier, nur die Tür trennte es von ihr und es war nur eine Frage der Zeit, bis es die Tür aufbrechen würde. Sie spürte die Mordlust und ihr Herz zog sich angsterfüllt zusammen. Was sollte sie nun tun? Sie saß in der Falle. Die Situation riss an ihren Nerven. Jetzt hatte sie sich nichtmehr unter Kontrolle. Sie ging in das erleuchtete Zimmer mit den Kerzen und kauerte sich in einer Ecke zusammen.

Gleichmäßig wiegte sie ihren Körper hin und her, als sie ein Messer auf dem Tisch liegen sah. Sie war sicher gewesen, dass es vor einer Minute noch nicht da gelegen hatte, aber das spielte jetzt keine Rolle. In ihrer Verzweiflung krallte sie sich an diese eine wahnwitzige Idee. Sie nahm das Messer fest in die Hand und ging langsam aber entschlossen den Flur entlang. Ihr Herz drohte vor Angst stehen zu bleiben, doch sie ging immer weiter. Schritt um Schritt auf die verrottete Tür zu. Sie zitterte am ganzen Leib und ihre Beine schienen aus Pudding zu bestehen, als sie die Tür schließlich öffnete.

Das erste was sie sah waren zwei blutrote Augen. Wahnsinn stand in ihnen geschrieben und sie blickten mordlüstern in die ihren. Ihr Herz tat einen erschrockenen Sprung. Seine Lefzen waren nach oben gezogen, sodass man das rote Zahnfleisch und die daumengroßen Zähne des Geschöpfes erkennen konnte. Sein Fell war so schwarz wie die Nacht und hob sich auch kaum von dieser ab, doch es war mit unzähligen Narben übersät und ein Ohr war ihm abgerissen worden. Sie packte ihr Messer fester und als sich das Wesen bewegte stach sie einfach zu! Ein schmerzerfülltes Heulen war zu hören, überall Blut. Das Messer in ihrer Hand. Ihr wurde schwarz vor Augen.


Sie stand in einem Wald. Unter ihren Füßen schlängelte sich ein kleiner Pfad durch das dichte Gehölz. Wolken bedeckten den Nachthimmel und nur selten erkämpfte sich das silberne Mondlicht einen Weg zwischen den Wolkenlücken hindurch, die zuweilen entstanden. Ihr Gedächtnis war wie ausgelöscht und sie rannte den Pfad entlang, dazu verdammt es immer und immer wieder zu töten.

~ The End ~

(2011)