Wenn dunkles Feuer nachts erwacht...

Damals war ich ein Mensch gewesen. Ein ganz gewöhnlicher, kleiner, schwacher,  18 Jahre alter Mensch. Ich ahnte nichts von der Gefahr, die draußen auf den Straßen lauerte. Ich liebte den Wald und so machte ich regelmäßig einen abendlichen Spaziergang durch den Wald. Meist war es dann schon dunkel, wenn ich zurückkahm und meine beste Freundin hatte mich einmal gefragt, ob ich nicht angst hätte, wenn ich durch den dunklen Wald ging. Ich erwiderte daraufhin, dass ich nicht an Geister und Dämonen glaubte und sie lachte mich an und sagte: „Du hast recht“, doch ich sollte mich irren.
In mein Dorf lebte eine alte Frau. Sie saß den ganzen Tag am Fenster und ihr irrer Blick schweifte über die leere Straße. Alle sagten ihr nach, dass sie nicht mehr ganz bei sich war. Keiner betrat geschweige denn bewohnte diese Straße außer ihr noch. Jeder mied sie und machte einen großen Bogen um das Haus der Alten, doch ich hatte kein Problem mit ihr. Immer wenn ich an ihrem Haus vorbei ging öffnete sie das vollkommen verdreckte Fenster und sah mir tief in die Augen. Jedes Mal nahm ich mir vor, ihrem Blick stand zu halten, doch ich konnte es nicht. Ihre Stahlgrauen Augen bohrten ihren Blick in die meinen, sodass ich jedes Mal schon nach wenigen Sekunden wegsehen musste. Dann sprach sie immer wieder dieselben Worte: „Gib´ Acht wenn dunkles Feuer nachts erwacht. Wenn der Vollmond sein fahles Licht auf die Erde ergießt. Bleibe zu Haus´ sonst der Tod dein Herz umschließt“ Dann ging ich immer schnell weiter, weil mir die ganze Sache dann doch unheimlich war und die Alte rief mir hinterher: „Denk immer an meine Worte und befolge meinen Rad oder es wird dir schlecht ergehen!“ Das wiederholte sie dann sooft, bis  ihre raue Stimme Hinter mir so leise war, dass ich die Worte nicht mehr verstehen konnte.
Ich wusste selbst nicht, warum ich immer wieder in diese Straße ging. Vermutlich tat mir die Alte einfach nur leid. Außer mir hatte sie so lange keiner mehr gesehen, dass niemand mehr ihren Namen kannte.  Nachdem ich ihre Straße verlassen hatte verlor ihr Geschwätz für mich die Bedeutung. Es war das wirre Reden einer verrückten Alten, doch ich hätte besser auf sie gehört!
Es geschah, was geschehen musste. Ich machte einen meiner abendlichen Spaziergänge im Wald. Das Mondlicht schien silbern durch die dichten Äste der Bäume. Straßenlaternen standen am Rand des Weges und Zauberten ein Spiel aus gelbem Licht und schwarzen Schatten auf den Boden und ich genoss den Geruch des Waldes, als ich es rascheln hörte. Schnell drehte ich meinen Kopf in die Richtung. Nichts zu sehen. Es war vollkommen windstill. Vielleicht ein Kaninchen oder ein anderer Waldbewohner. Ein Lächeln umspielte meine Lippen bei diesem Gedanken.
Wieder ein Rascheln. Ich sah genauer hin und erkannte ein paar grün leuchtende Augen. Plötzlich kamen mir die Worte der Alten aus dem Dorf in den Sinn: „Gib´ Acht wenn dunkles Feuer nachts erwacht. Wenn der Vollmond sein fahles Licht auf die Erde ergießt. Bleibe zu Haus´ sonst der Tod dein Herz umschließt“
Auf einmal wurde mir alles bewusst. Die Alte hatte die ganze Zeit recht gehabt. Die reine Dunkelheit lauerte zwischen den Bäumen und starrte mich nun aus grünen Augen an, in denen sich das Mondlicht spiegelte. Mein Herz begann zu rasen und Adrenalin schoss in meinen Körper. Meine Beine zuckten und ich rannte los, doch das reine Böse sprang aus dem Unterholz und drückte mich mit Macht auf den Boden. Ich zappelte und schlug um mich. Seine Augen starrten mich lüstern an und große Reißzähne ragten aus seinem halb geöffneten Maul. Sein Körper war von dünnem, wolligen Fell bedeckt, das die ledrige graue Haut hindurch blitzen ließ.  Gierig riss es sein Mauel vollkommen auf und grub seine Zähne in das weiche Fleisch meines Unterschenkels. Mein schmerzverzerrter Schrei hallte durch den gesamten Wald, doch niemand würde ihn hören.
Dann verschwand das Monster. Warum, das weiß ich bis heute nicht. Ich schleppte mich mit meinem zerfleischten Bein ein Stück in den Wald. Bunte Flecken tanzten vor meinem inneren Auge. Dann wechselten sie ihre Farbe zu schwarz und ich verlor das Bewusstsein. Das letzte was in meinem Kopf hallte waren die Worte der Alten:  „Denk immer an meine Worte und befolge meinen Rad oder es wird dir schlecht ergehen!“

Als ich aufwachte durchfuhr mich das unglaubliche verlangen nach rohem Fleisch. Meine Instinkte trieben mich voran und ich lief in mein Heimatdorf. Ich sah einen Menschen in gebückter Haltung und der Geruch seines Warmen Fleisches hing in der Luft. Schnell rannte ich hin, grub meine langen Reißzähne in seine Kehle und bemerkte in diesem Moment, dass es die Alte war. Ein leises Stöhnen drang aus ihrer Kehle, dann ergoss sich Blut auf die Straße. Es war mir egal, ich hatte Hunger und so blieb von der Alten nichts übrig, als ein Paar Knochen, die das Mondlicht weiß reflektierten und kleine Fleischfetzen, die daran hingen.

~ The End ~

(2011)